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Walter Hanf

Juden im oberen Oleftal

Hg. vom Arbeitskreis JUDIT.H. im Heimatverein Rescheid e.V.


Geleitwort

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde im „Oberen Oleftal“ beginnt im Dunkel und sie endet mit der Shoa, den unfassbaren Verbrechen des Nazi-Regimes zwischen 1933 und 1945.

Die willfährigen Schergen des NS-Systems brachten mittels einer industrialisierten Mordmaschinerie sechs Millionen Menschen (6.000.000!) um. Rassismus und Antisemitismus fielen vor allem Menschen jüdischen Glaubens zum Opfer, aber auch Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, Geistliche, politische Gegner u. a. wurden verfolgt, eingesperrt und ermordet. Insgesamt ist das NS-Regime für rund 60 Millionen (statistische Angaben schwanken zwischen 50 und 70 Mio.) Menschenleben verantwortlich, davon alleine 20 Mio. in der Sowjetunion und 6 Mio. in Polen. Die Dimensionen der schlimmsten Gräueltaten der Menschheitsgeschichte erscheinen für alle Zeiten unbegreiflich. Die historischen Fakten alleine vermögen das Ungeheuerliche nicht zu vermitteln. Neben dem Verdrängen lag wohl auch hierin ein Grund, die Nazizeit in den ersten Nachkriegsjahrzehnten in Politik und Gesellschaft, ja sogar im Geschichtsunterricht auszusparen. Mangels Alternativen besetzten alte Kader Politik, Verwaltung und Justiz. Selbst nach den „Auschwitz-Prozessen“ in der ersten Hälfte der 1960er Jahre war die Zeit noch nicht reif zur Aufarbeitung der eigenen Vergangenheit. Erst die rebellischen 68er verlangten Aufklärung der Geschehnisse, vor allem vor dem Hintergrund des Vietnamkrieges. Sie wollten wissen, ob ihre Väter und Großväter in die Machenschaften der NS-Diktatur verstrickt waren.

Fremdenverkehrsprospekt des Amtes Hellenthal mit dem Aufdruck »Jüdische Besucher unerwünscht« (ungefähr 1935)

Die überlebenden Opfer verdrängten ihre traumatischen Erlebnisse, so gut es ging. Darüber zu sprechen, bedeutete für sie, in Gedanken alles erneut zu durchleben. Ja, sie machen sich sogar nicht selten Vorwürfe, das Grauen überlebt zu haben, im Gegensatz zu ihren Verwandten, Nachbarn und Freunden. Ihre nächtlichen Alpträume, ihre Ängste und Depressionen werden sie ein Leben lang verfolgen.

Die Täter hingegen hatten allen Grund, die Geschehnisse zu verheimlichen oder ihre Beteiligung herab zu spielen, um der Strafverfolgung zu entgehen. Eine Reihe von ihnen setzte sich ins Ausland ab, vor allem nach Südamerika, andere dienten sich den politischen Systemen in West und Ost an. Ihre Strafverfolgung wurde von den „alten Kameraden“ – zum Teil bis heute – nur widerwillig betrieben, allenfalls unter öffentlichem Druck. Die ausgesprochenen Strafmaße spiegelten in keinster Weise die ungeheuren Verbrechen an der Menschlichkeit wider, deren sie sich schuldig gemacht hatten. In beiden deutschen Staaten bekleideten alte Nazis höchste Ämter in allen Bereichen des öffentlichen Lebens und der Wirtschaft. Die meisten Täter kamen weitgehend ungeschoren davon und leb(t)en „unbescholten“ unter uns.

Erst Mitte der 1980er Jahre erschienen erste umfangreichere Veröffentlichungen. Allmählich entwickelte sich der Wille, die NS-Zeit aufzuarbeiten. Zum 50. Jahrestag der Pogromnacht vom 9. November 1938 entstanden überall in der Bundesrepublik Initiativen zur Errichtung von Gedenkstätten.

Die Enkel und Urenkel überwanden die Sprachlosigkeit der Opfer- und Tätergeneration und größtenteils auch die ihrer Kinder. Sie wollten endlich wissen, was geschehen war.

„Erinnerung ist das Geheimnis der Versöhnung“, sagt ein altes jüdisches Sprichwort.

Nichts kann rückgängig gemacht werden, nichts ungeschehen, aber die Opfer dem Vergessen anheimfallen zu lassen, bedeutet, sie nochmals sterben zu lassen und die Erinnerung an sie endgültig auszulöschen. Die Erinnerung ist eine fundamentale Säule gerade der jüdischen Kultur, nicht umsonst bleiben jüdische Gräber für alle Zeiten bestehen, Friedhöfe werden nicht wiederbelegt.

Auch in Blumenthal wurde 1988 ein Gedenkstein auf dem jüdischen Friedhof errichtet. Damals entstand in unserer Gemeinde der Gedanke, „mehr zu tun“. Und doch sollten nochmals über 15 Jahre vergehen, ehe sich dazu der Arbeitskreis JudiT.H (Geschichte der Juden im Tal, Hellenthal) zusammenfand.

Die Erinnerungsarbeit steht im Mittelpunkt der wenigen Mitglieder dieser Gruppe. Der Arbeitskreis JudiT.H, eng mit dem Heimatverein Rescheid e. V. verbunden, setzte sich unmittelbar nach seiner Gründung drei Ziele: die Errichtung eines Mahnmals, die Realisierung einer Ausstellung und die Herausgabe einer Broschüre. Mit dem Erscheinen dieses Buches sind die zunächst gesteckten Ziele erreicht. Die Erinnerungsarbeit von JudiT.H, die in einem eigenen Kapitel vorgestellt wird, ist damit jedoch längst noch nicht beendet.

Die Eröffnung der Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ stellte gewissermaßen eine Initialzündung für den Autor Walter Hanf dar. Er beschloss, ein Buch über die Geschichte der hiesigen jüdischen Gemeinde zu verfassen, nicht ahnend, welch einen Umfang eine solche Arbeit annehmen würde. Im Arbeitskreis reifte daraufhin der Entschluss, keine eigene, konkurrierende Publikation zu verfassen, sondern eine Zusammenarbeit anzustreben. Schlussendlich entwickelte sich eine erfreuliche Kooperation zwischen Walter Hanf und JudiT.H, dem Autoren einerseits und dem Herausgeber andererseits. Diese Symbiose stellte die wohl einmalige Chance dar, sozusagen im letzten Moment, auch die Berichte der wenigen noch lebenden Zeitzeugen zu erfassen. Öfter stieß man jedoch auf Ablehnung. Nach den verheerenden Zerstörungen in den letzten Monaten des 2. Weltkriegs in den Dörfern der heutigen Gemeinde Hellenthal und den unheilvollen Erfahrungen mit einer fehlgeleiteten Politik möchten viele bis heute nicht mit der Vergangenheit konfrontiert werden. Einige fürchten wohl auch, die Verstrickungen ihrer Vorfahren in das System vorgehalten zu bekommen oder gar für deren Schuld verantwortlich gemacht zu werden. Dies ist weder die Absicht des Autors noch des Herausgebers, zumal niemand für die Verfehlungen seiner Ahnen rechtlich oder moralisch belangt werden kann. Diese Veröffentlichung verfolgt in keiner Weise das Ziel, (Mit)Täter zu richten, sondern in erster Linie der Opfer zu gedenken.

Mit der Erfahrung aus anerkannten Veröšffentlichungen zu lokaler Geschichte und Alltagskultur und der ihm eigenen Akribie stürzte Walter Hanf sich in die Arbeit. Er orientierte sich streng an der Quellenlage, nicht belegbare Annahmen fanden keine Aufnahme in das Werk. So muss im Dunkeln bleiben, wann genau die ersten Juden nach den Pogromen des Mittelalters und der Verbannung aus der Stadt Köln in die Eifel, vielmehr noch ins „Schleidener Tal“ zogen. Von den ersten Nachrichten jüdischen Lebens vor Ort erfolgt die chronologische Darstellung bis zur Auslöschung der meisten, aber doch nicht aller Spuren. Mit diesem regionalhistorisch enorm wichtigen Werk werden die Opfer aus der Anonymität herausgeholt, die Schicksale der ehemaligen Nachbarn erforscht und beschrieben. Die Erinnerung an ihre oft bedrückenden Schicksale verleiht den Menschen wieder ein Gesicht.

Sowohl dem Autor als auch dem Herausgeber gelangen erfreulicherweise Kontaktaufnahmen zu Überlebenden oder den Nachkommen der einstigen jüdischen Nachbarn in aller Welt.

Auf der Basis der Forschungen von Walter Hanf hat JudiT.H unterdessen begonnen, zum Andenken an alle Opfer des Nazi-Terrors im oberen Oleftal „Stolpersteine“ verlegen zu lassen. Diese selbstgestellte, neue Aufgabe und die Kontaktpflege mit den Nachfahren der Opfer wird den Arbeitskreis sicher noch eine geraume Zeit in Anspruch nehmen.

Einen gebührenden Dank an Walter Hanf auszusprechen für dieses sicherlich als Höhepunkt seiner regionalhistorischen Forschungen zu bezeichnende Buch, stellt eine gerne wahrgenommene Verpflichtung für den Herausgeber dar. Die Publikation konnte aber nur gelingen, indem namhafte Förderer „mit ins Boot genommen wurden“. Deshalb gilt unser Dank nicht minder der Nordrhein-Westfalen-Stiftung Naturschutz, Heimat- und Kulturpflege, dem Landschaftsverband Rheinland – Institut für Landeskunde und Regionalgeschichte, der VR-Bank Nordeifel eG, der energie nordeifel GmbH & Co. KG (ene) sowie besonders auch der Gemeinde Hellenthal und weiteren privaten Sponsoren.

KARL REGER
Vorsitzender
Heimatverein Rescheid e.V.
und Sprecher von JudiT.H

 

Einführung

In der spätmittelalterlichen Blütezeit jüdischen Lebens im Rheinland (1236 bis 1350) sollen in Schleiden Juden gelebt haben. Diese Behauptung gründet lediglich auf dem Privileg König (später Kaiser) Heinrichs VII. für den Edelherrn Friedrich von Schleiden zur Aufnahme von Juden in seiner Befestigung („munitio“) Schleiden von 1309, wobei infolge Fehlens weiterer Quellen nicht nachgewiesen ist, dass sich in dieser Zeit Juden in Schleiden tatsächlich aufgehalten haben.

Erst gegen Ende 16./Anfang 17. Jahrhundert verdichten sich die Nachrichten über Juden in den Herrschaften Schleiden, Reifferscheid und eventuell auch Wildenburg. Die Quellen befinden sich hauptsächlich als Aktennotizen in lokalen Gerichtsbüchern, vereinzelt wurde auf die Arbeit von Schulte (Dokumentation zur Geschichte der Juden am linken Niederrhein seit dem 17. Jahrhundert, Düsseldorf 1972) zurückgegriffen. Einer weiteren Arbeit (Schulte, Von den ältesten jüdischen Familien aus dem Kreis Schleiden, 1970) mangelt es an verlässlichen Quellenangaben.

Ungefähr in der Mitte des 18. Jahrhunderts besitzen vier jüdische Familien das Aufenthaltsrecht in der Herrschaft Reifferscheid. Sie bilden eine beständige Gemeinde und sind quellenmäßig erfasst. Über 40 Belegstücke in den Akten des Gerichts Reifferscheid im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland, Düsseldorf (LAD), berichten über einen Zeitraum von nahezu 50 Jahren (1750-1798) über die sozialen, religiösen und wirtschaftlichen Bedingungen, unter denen die Mitglieder der kleinen Gemeinde gelebt haben. In den Gerichtsakten haben sich – verständlicherweise – nur Streitigkeiten niedergeschlagen. Das in der Regel friedliche Zusammenleben von Christen und Juden und die ganze Bandbreite der nicht gerichtsrelevanten Beziehungen sind in den Quellen eher selten überliefert. Doch auch in den Nachrichten über Streitigkeiten sind viele interessante Details enthalten, die uns Einblicke in das Alltagsleben sowie die nachbarlichen Beziehungen von Juden und Christen geben. Die Akten lassen zudem die Beweggründe der Landesherren, den Grafen Salm-Reifferscheidt, erkennen, Juden in ihrer Herrschaft Reifferscheid aufzunehmen, wie auch ihre Verflechtungen mit finanzstarken Juden des Erzstifts Köln.

Die französische Besetzung (1794), vielmehr die Eingliederung in das französische Staatsgebiet (1797 bzw. 1801), brachte den Juden zunächst Freiheit und Freizügigkeit sowie freie Berufs- und Handelsmöglichkeiten. Das sog. „Schändliche Dekret“ (1808) setzte existenzielle Rechte, Freizügigkeit und freie Erwerbsmöglichkeit wieder außer Kraft, indem u. a. jeder handel- und gewerbetreibende Jude ein Handelspatent bzw. eine Gewerbeautorisation einholen musste. Bedauerlicherweise fehlt aus dieser Zeit fast sämtliche Überlieferung, die über die Erwerbsmöglichkeiten hätte informieren können.

Im Rahmen der dennoch fortschreitenden Emanzipation wurde den Juden per Dekret vom 20. Juli 1808 aufgegeben, unveränderliche Vor- und Familiennamen anzunehmen. Die Forderung erfüllte nicht zuletzt den Zweck, die jüdische Bevölkerung zu erfassen und die steuerliche und militärische Inanspruchnahme zu erleichtern. Die Erklärungen über die Annahme der neuen Namen im Gemeindearchiv in Hellenthal sind eine erste Erhebung über den Stand der jüdischen Bevölkerung und überaus bedeutsam für die genealogische Forschung.

Die in der Franzosenzeit mit Dekret vom 17. März 1808 erlassene Konsistorialverfassung für die Juden des Kaiserreichs leitet über in die preußische Zeit, sie galt für die rheinischen Juden weiter und sollte erst durch die preußischen Judengesetze von 1847 ihre Geltung verlieren. Die Einführung zu Kastners zweibändigem Werk „Der Rheinische Provinziallandtag und die Emanzipation der Juden im Rheinland 1825-1845“ bringt eine hervorragende Zusammenfassung der Situation der Juden im Rheinland in der Zeit der französischen Herrschaft, des Übergangs an Preußen (1816) und der ersten Jahrzehnte preußischer Herrschaft.

Für die Zeit des 19. und frühen 20. Jahrhunderts konnten die preußischen „Judenakten“ ausgewertet werden, „die das Bestreben der Behörden (widerspiegeln), das jüdische Leben und die jüdischen Gemeinden umfassend zu kontrollieren“ (Jüdische Lebenswelten im Rheinland, bearbeitet von Elfi Pracht-Jörns, S. 16). So ist zum Beispiel der Schriftverkehr zwischen dem Konsistorium und der Regierung über die Beiträge („Auflagen“) der Juden zu den Kosten des Konsistoriums geeignet, Rückschlüsse auf die wirtschaftliche Entwicklung des jüdischen Bevölkerungsteils zu ziehen oder die unterschiedlichen geschäftlichen Erfolge einzelner jüdischer Gewerbetreibenden zu beleuchten. Die Schulakten geben Auskunft über die erstmalige feste Anstellung eines jüdischen Religionslehrers (1866) sowie seine Nachfolger, und umfangreicher Schriftverkehr berichtet über das Zustandekommen eines „Statuts“ für den Synagogenbezirk des Kreises Schleiden und Malmedy (1858). Eingestreut finden sich viele Nachrichten über Personen, die das Gemeindeleben in dieser Zeit geprägt haben. Schließlich können die Beitragslisten über die „Auflagen“ in Verbindung mit dem preußischen Kataster (Uraufnahme 1823) als Beleg für eine verstärkte Integration der Juden herangezogen werden, indem nachgewiesen wird, dass bereits in den 1840er Jahren 50 % der Juden im oberen Oleftal über Grund- und Hauseigentum verfügten.

Breiten Raum nimmt in den Akten der Regierung die Diskussion um die neue Judengesetzgebung zu Beginn der 1840er Jahre ein, an der die Provinziallandtage mitwirkten und diese wiederum Stellungnahmen der örtlichen Behörden (Regierung, Landrat, Oberprokurator = (Ober-)Staatsanwalt) zur Situation der Juden einholten. Die Berichte darüber liefern ein eindrucksvolles Bild der Situation in sozialer und wirtschaftlicher Hinsicht, gehen später auch auf das Religions- und Schulwesen ein. Sie geben nicht selten Auskunft über die Haltung der beteiligten Behörden zu der höchst umstrittenen Frage der Aufhebung des napoleonischen Dekrets vom 17. März 1808 bzw. der Gleichstellung der Juden. Die Stellungnahmen sind zum Teil als Anlage dieser Arbeit beigefügt. – Die Darstellung der Entwicklung und der Lage des jüdischen Bevölkerungsanteils in der preußischen Zeit, der Gemeindeorganisation, des Konsistorialsystems und des Kultuswesens basiert auf der wegweisenden Studie von Suzanne Zittartz-Weber „Zwischen Religion und Staat“ (s. Literaturverzeichnis). Zudem gewähren heimatkundliche Schriften, zum Beispiel diejenigen des Eugen Virmond (s. Literaturverzeichnis), einen kleinen Einblick in das Sozialgefüge der Landgemeinde Hellenthal mit ihrer nicht unbedeutenden jüdischen Minderheit.

Zur Dokumentation der letzten Jahrzehnte des Kaiserreiches und der Jahre der Weimarer Republik sind wir auf die wenigen Quellen in den Akten der Regierung angewiesen. Örtliche Überlieferung, die möglicherweise in der Synagoge oder bei ihren Repräsentanten einmal vorhanden war, ist ebenso abhanden gekommen oder gezielt vernichtet worden, wie die Akten der Zivilgemeinde, so dass für diesen Zeitraum eine Binnenansicht der jüdischen Gemeinde verwehrt ist.

Collage

Jüdische Männer aus Hellenthal mussten sich nach dem Brand der Synagoge vor dem Parteiheim »Braunes Haus« in Hellenthal am 10. November 1938 zum »Prangermarsch« aufstellen.

Die aktive Mitwirkung von Bürgern der Gemeinde bzw. des Amtes Hellenthal an den judenfeindlichen und antisemitischen Maßnahmen der Nationalsozialisten führt zu der Frage, wann und unter welchen Umständen die Partei Hitlers hier Fuß gefasst hat. In einem Exkurs wird dieser Frage nachgegangen, hauptsächlich auf der Grundlage der Arbeiten von Dr. Reinhold Weitz im Rahmen des Sammelbandes „Nationalsozialismus im Kreis Euskirchen“, Euskirchen 2006. Darüber hinaus liefern die regionalen Zeitungen Berichte über das örtliche Auftreten der Nationalsozialisten, den Organisationsaufbau, ihr Erscheinungsbild und ihre Akzeptanz in der Bevölkerung, ergänzt durch die Polizeiberichte der Regierung Aachen im Bestand des LAD. Über die Folgen der „Machtergreifung“ und die „Gleichschaltung“ der kommunalen Verwaltung informiert neben einem Bestand im Kreisarchiv Euskirchen vor allem Walter H. Pehle (phil. Dissertation Düsseldorf 1976). Letztendlich wurden die Ergebnisse der Reichstags- und Landtagswahlen weitgehend den Arbeiten von Weitz entnommen und durch bisher nicht veröffentlichte Zeitungsberichte ergänzt.

Das Leben der jüdischen Minderheit im NS-Staat, Ausgrenzung, Gewaltaktionen bis hin zur Inbrandsetzung der Synagoge in Blumenthal und dem „Prangermarsch der Juden“ sind durch die Aussagen der wenigen Überlebenden und durch Zeugenaussagen und Feststellungen des Gerichts im „Synagogenbrandprozess“ dokumentiert (LAD, Gerichte Rep. 89 Nr. 13, 14, 15 und 16). Weitere Einzelheiten sind in den Entschädigungsakten der Nachkriegszeit im Gemeindearchiv Hellenthal und im Kreisarchiv Euskirchen zu finden. Mit Auszügen aus der nationalsozialistischen Presse – ein bedeutender Bestand des „Westdeutscher Beobachter“, Ausgabe Schleiden, in der Universitäts- und Stadtbibliothek Köln sowie Einzelexemplare im Archiv Vogelsang ip, standen dem Verfasser zur Verfügung – lässt sich die Strategie der Nationalsozialisten nachzeichnen: Hetzartikel gegen die Juden und bewusste Diffamierung in der Öffentlichkeit schaffen ein Feindbild und bereiten die Bevölkerung auf die folgenden Maßnahmen der völligen Ausschaltung der Juden aus dem öffentlichen Leben bis zur Anwendung physischer Gewalt vor. Die „Pogromnacht“ und die vorübergehende Inhaftierung der jüdischen Männer markieren den Untergang der Gemeinde. Nach der Rückkehr der Männer aus den Konzentrationslagern setzten Flucht und Vertreibung der jüdischen Familien in Richtung der Städte (Euskirchen, Köln) ein, soweit nicht in allerletzter Minute noch die Emigration ins Ausland gelang. Zuvor waren sie zur Aufgabe ihrer Immobilien gezwungen. Die beschämenden Notverkäufe, die oft weit unter Preis erfolgen mussten, sind zum Teil in den Akten des Gemeinde- bzw. Kreisarchivs dokumentiert. – Mit der Beschreibung des Schicksals der jüdischen Gemeinde von 1933 bis zum Untergang wird kein Neuland betreten. Vielmehr ist dazu auf die detaillierte Aufarbeitung des Geschehens sowie die zahlreichen Veröffentlichungen von Hans-Dieter Arntz zu verweisen, aus denen häufig zitiert wird.

Nachdem um die Jahresmitte 1941 an die Stelle der Vertreibung der Juden seitens des NS-Regimes die „Endlösung“ ins Auge gefasst wurde, die auf der Wannsee-Konferenz ihre organisatorische Form erhielt, begannen schon im Herbst 1941 die Transporte in die Ghettos und in die Vernichtungslager. Die Mehrheit der Juden aus dem oberen Oleftal, denen seit Kriegsbeginn die Emigration ins rettende Ausland versperrt war, ist mit den Todeszügen, die in Köln ihren Ausgang nahmen, nach Izbica, Litzmannstadt (Lodz), Minsk, Riga oder Theresienstadt verschleppt worden. Während die Transportlisten gegen Ende des Zweiten Weltkriegs vernichtet wurden, gelang es dem Forscher Dieter Corbach, aus dem „sippenkundlichen Nachlaß“ des Dr. Karl Wülfrath, einem Verfechter der nationalsozialistischen Rassenideologie, Kopien der Listen der großen Transporte vom Bahnhof Köln-Deutz-Tief als einzigen namentlichen Nachweis zu erschließen und zu veröffentlichen. Die Transportlisten sind oft die letzten Spuren, die den Weg der Opfer in die Vernichtungslager nachzeichnen. Gleichzeitig stellt die Veröffentlichung beispielhaftes dokumentarisches Material zur Verfügung, das „gewisse Vorstellungen und Ahnungen von den ekelhaften Scheußlichkeiten der Mörder (beschreibt), wenn auch alles letztlich immer noch so phantastisch und unbegreiflich erscheint“ (Corbach, 6.00 Uhr ab Messe Köln-Deutz, S. 13). Über das Schicksal der Opfer des Holocaust wurde schließlich im Bundesarchiv – Gedenkbuch – und im Dokumentationszentrum Yad Vashem nachgeforscht, wenngleich zufriedenstellenden Ergebnissen durch die Quellenlage enge Grenzen gezogen sind. Umso wertvoller sind daher die Berichte von Überlebenden des Grauens, von Inge Rothschild und Cäcilie Margot Heumann, die in Hellenthal ihre Wurzeln haben.

Die Barbarei des nationalsozialistischen Regimes machte auch vor dem Heiligtum der jüdischen Gemeinde im oberen Oleftal nicht halt. Durch die brutale Zerstörung der Synagoge, die Vernichtung der Einrichtung und der Kultgegenstände oder deren Plünderung, ist unersetzbares Kulturgut verloren gegangen. Dennoch sind wir in der Lage, anhand der Bauzeichnung und der Baubeschreibung, die erhalten geblieben sind und im Eifelmuseum Blankenheim aufbewahrt werden, deren Baugeschichte und -gestalt wenigstens im Bild nachvollziehen zu können, als Zeugnis der einst blühenden Gemeinde. Bisher ungeklärte Umstände haben es darüber hinaus ermöglicht, über ein authentisches Stück Geschichte jüdischen Glaubens im oberen Oleftal zu berichten: das Fragment einer Thora-Rolle mit dem Text der Bücher LEVITICUS 23.36-27.34 und NUMERI 1.1-1.9, das nach aller Wahrscheinlichkeit aus der Synagoge in Blumenthal stammt und im Gemeindearchiv Hellenthal aufbewahrt wird. Zudem sind seit kurzem Bodenfunde zu verzeichnen, die bei der Baubeobachtung durch das LVR-Amt für Bodendenkmalpflege am Standort der ehemaligen Synagoge zu Tage gebracht wurden, sozusagen archäologische Urkunden, letzte Zeugnisse des jüdischen Gotteshauses.

Schließlich kann mit zahlreichen Fotografien, insbesondere „Schulbildern“ der evangelischen Volksschule Hellenthal aus dem Archiv der Evangelischen Trinitatis-Kirchengemeinde Schleidener Tal, ein besonders wertvoller Schatz der Erinnerung zur Verfügung gestellt werden.

 

 

 

Inhalt
Geleitworte 9
Einführung 15
Danksagung 20
Territorialstruktur 22
Erste Spuren jüdischen Lebens 24
Juden in der Reichsherrschaft Reifferscheid im 18. Jahrhundert 28
Politisches und rechtliches Umfeld 29
Juden vor dem (Hoch-)Gericht 32
Die Jüdische Gemeinschaft 43
Soziale und wirtschaftliche Verhältnisse 49
Alltagsleben 64
Die französische Zeit (1794-1814) 74
Rechtlicher Status der Juden 75
Die napoleonischen Dekrete und ihre Auswirkungen 77
Die Emanzipation im 19. Jahrhundert 90
Preußische Judenpolitik 91
Das neue jüdische Kultuswesen 102
Die jüdische Gemeinschaft des oberen Oleftales 104
Die jüdische Bevölkerung in Kaiserreich und Republik (1871-1933) 122
Die Vollendung der Emanzipation 123
Der Schul- und Religionsunterricht 136
Exkurs: Die politische Situation im oberen Oleftal von den Anfängen der „Hitler-Partei“ bis zur Machtergreifung und Gleichschaltung 149
Von der Politik der Ausgrenzung zur Vernichtung 170
Die jüdische Gemeinde des oberen Oleftales von 1933 bis zum Untergang 178
Der Weg zum Jahr 1939... 179
„Sie legten an mein Heiligtum Feuer …“ 200
Die Zerschlagung der Gemeinde 217
Überlebende berichten 251
Zeichen jüdischen Glaubens und kultureller Identität 260
Vom Betraum zur repräsentativen Synagoge 261
Jüdische Friedhöfe 271
epidat 278
Spurensuche 320
Bilder aus dem Schul- und Vereinsleben 334
Bilder zum Leben mit den jüdischen Nachbarn 335
Jüdisches Erbe nach 1945 360
Dokumentation zur Geschichte und Stammtafeln (Listen) der ältesten jüdischen Familien in Hellenthal, Blumenthal, Kirschseiffen und Reifferscheid 402
Die Familie Berg 404
Die Familie Haas 408
Die Familie Heumann 416
Die Familie Katz 423
Die Familie Kaufmannn 429
Die Familie Rothschild 464
Die Familie Zander 488
Anlagen 490
Zeittafel 497
Abkürzungsverzeichnis 500
Personenregister 502
Ortsregister 515
Literaturverzeichnis 525
Abbildungsnachweis 531
Anmerkungen 533

 

 

544 Seiten
16,5 x 23,5 cm, fester Einband mit Schutzumschlag
Hahne & Schloemer Verlag, Düren 2015
ISBN 978-3-942513-29-6
Preis: 24,80 €

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