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Herbert Pelzer

Nörvenich fortyfive

Eine Erzählung beruhend auf Zeitzeugenberichten und Zeitdokumenten

 

Vorwort

Als Neffeltal wird der fruchtbare Landstrich entlang des Neffelbachs zwischen Wollersheim am Rand der Eifel und Kerpen, wo der Bach in die Erft mündet, bezeichnet. Auf etwas mehr als der Hälfte des Bachlaufs liegt der Ort Nörvenich, der 1933 zusammen mit elf kleineren und kleinen Dörfern den gleichnamigen Amtsbezirk bildete. Die Region war ländlich geprägt, die Menschen konservativ, katholisch und tief verbunden mit diesem schönen Platz in der damaligen Rheinprovinz.

Als im Frühjahr 1933 der „braune“ Sturm über das Neffeltal hereinbrach, gab es kaum jemanden, der sich ihm entziehen konnte. Ob Mann oder Frau, ob alt oder jung, von jedem Einzelnen wurde nun erwartet, sich dem neuen System anzupassen. Nach den Vorstellungen der neuen Machthaber sollte nicht mehr der einzelne Mensch, sondern die Idee vom glorreichen Wiederaufstieg Deutschlands, das Maß aller Dinge sein. Für die Bürger bedeutete dies die völlige Vereinnahmung durch den Staat. Sie wurden zur „Volksgemeinschaft“ umerzogen und alle waren von nun an dem „Führer“ Adolf Hitler verpflichtet. Jeder an seinem Platz und jeder nach seinen Möglichkeiten. Kinder und Jugendliche lasen damals die „Deutsche Jugendburg“, den „Pimpf“ oder „Das deutsche Mädel“, ihre Eltern lasen den „Westdeutschen Beobachter“ und verfolgten die Reden an den Volksempfängern, in denen die brutal derbe Weltanschauung der „Nazis“ wieder und wieder propagiert wurde, bis sie diese glaubten oder resignierten.

 VolkssturmmännerVolkssturmmänner in Eschweiler ü. Feld. Quelle: Jubiläumsschrift 1000 Jahre Eschweiler über Feld

Nach Kriegsausbruch im September 1939 scheint sich die Stimmung in der Bevölkerung allmählich geändert zu haben. Zwar gab es zu Beginn des Westfeldzugs immer noch Menschen, die den Luftkampf am nächtlichen, von Suchscheinwerfern erleuchteten Himmel von Nörvenich aus beobachteten und die Abschüsse feindlicher Flugzeuge bejubelten. Gleichzeitig nahm jedoch die Sorge um die zur Wehrmacht eingezogenen Männer und die Angst vor der längst nicht mehr ausgeschlossenen Bedrohung der eigenen Heimat zu. Schließlich kippte die Lage und die einst so siegreichen, mit Pervitin aufgeputschten deutschen Soldaten mussten an allen Fronten den Rückzug antreten. Berichte von auf Heimaturlaub weilenden Soldaten klangen jetzt ganz anders als die im Rundfunk verbreiteten Wehrmachtsberichte. Mehr und mehr kam man zu der Einschätzung, dass der Krieg verloren sei. Meist nur im vertrauten Kreis und hinter vorgehaltener Hand, denn der „Führer“ und sein Propagandaminister Goebbels verbreiteten Durchhalteparolen, die alle auf das letzte große Credo hinausliefen: „Sieg oder Untergang“.

Es kam zum Untergang, und der war genauso „total“, wie es der Krieg in seiner Endphase gewesen war. Nachdem im November 1944 die Kreisstadt Düren bei einem Bombardement der Alliierten zu einem Schutthaufen unter Rauch und Ziegelstaub verwandelt worden war, dauerte es noch mehr als drei weitere Monate, bis amerikanische Truppen den Amtsbezirk Nörvenich besetzten. In dieser Zeit war das Gebiet durch die Kämpfe schwer beschädigt worden. Weder „Freund noch Feind“ hatten Rücksicht genommen, das fruchtbare Ackerland war zu einem großen Teil vermint und mit Bombentrichtern, Laufgräben und Abwehrstellungen überzogen. Viele Häuser waren zerstört, etliche mehr waren beschädigt worden. Ungezählte Soldaten waren auf beiden Seiten gefallen. Zum Schluss benötigte die 1. US Army nur fünf Tage, um den Bezirk von Binsfeld im Westen bis Wissersheim im Osten einzunehmen. Nach einem letzten deutschen Gegenangriff auf Wissersheim in der Nacht vom 1. auf den 2. März 1945 war der Krieg hier zu Ende.

Nach einer Sichtung der spärlich vorhandenen Quellen setzt sich der Eindruck durch, dass viele Menschen im Amtsbezirk Nörvenich zumindest bis zur Kriegswende zum Jahresbeginn 1943 der Anziehungskraft des Nationalsozialismus erlagen und mit der Idee vom neuen „Großdeutschen Reich“ sympathisiert haben. Ein Grund hierfür wird sein, dass selbst in der vertraulichen Umgebung des kleinsten Dorfes wohl niemand eine reelle Chance besaß, sich offen gegen die herrschende Politik zu stellen, ohne sich und andere damit in große Gefahr zu bringen. Als „Volksgenossen“ hatten sie die Freiheit, sich gewissermaßen „zurück zu halten“. Die „nationale Erhebung“ aber zu boykottieren, hat niemand offen gewagt. Nur ganz vereinzelt tauchen Aufzeichnungen auf, in denen der Chronist seine ablehnende Haltung beschreibt. Ebenso sind heute noch mündliche Überlieferungen im Umlauf, die belegen wollen, wer Gegner und wer Befürworter der „Nazis“ war. Tatsächlich liegt heute, mehr als 80 Jahre nach der „Machtergreifung“ durch die NSDAP, noch keine umfassende Aufarbeitung des Vorgehens der Partei in dem Gebiet der heutigen Gemeinde Nörvenich vor. Diese Arbeit harrt noch immer der Erledigung.

Anrechnungskarte Auf diesen Karten wurde das Gewicht des Schlachtviehs vermerkt. Der Eintrag "zuviel geschlachtet" irritiert in Zeiten des Mangels an Nahrungsmitteln. Quelle: Archiv HGV

Über den Verlauf des Krieges im Amtsbezirk findet der interessierte Leser heute bereits eine Reihe von Abhandlungen. So erschien im Jahr 2005 die „Chronik des Amtsbezirks Nörvenich 1932 – 1945“, zusammengestellt und bearbeitet von Jürgen E. Dominicus. Und auch Karl Heinz Türk hat sich diesem Thema bereits in verschiedenen Arbeiten zugewandt. Zuletzt erschien 2009 seine 37-seitige Zusammenfassung „1939 – 1945, Kriegsereignisse in Nörvenich“. Das Geschehen nach 1945 und die unmittelbaren Folgen des verheerenden Krieges sind nach meiner Kenntnis bisher noch nicht zusammenhängend dokumentiert worden. Einen ersten Impuls zu dieser Arbeit erhielt ich im Sommer 2009 bei Recherchen im Archiv der Gemeinde Nörvenich. Eher zufällig fielen mir einige Dokumente aus den heute allgemein als „Nachkriegszeit“ bezeichneten Jahren in die Hände. Das waren Schriftstücke, denen man ansieht, dass sie aus einer entbehrungsreichen Zeit stammen. Für kurze Texte hatten die Mitarbeiter der Verwaltung auch nur ein halbiertes Blatt DIN A 4 Papier benutzt. Das Papier war von unterschiedlicher Qualität. Es scheint, dass man das verwendet hat, was gerade zur Verfügung stand. Teilweise waren die Texte auf die Rückseite bereits benutzter Blätter geschrieben worden. Einige nur handschriftlich. Schon das wenige, was ich bei dieser Gelegenheit sichten konnte, vermittelte mir einen ersten Eindruck von den so außergewöhnlichen Umständen der damaligen Zeit. Meine Neugier war geweckt und ich begann nach weiteren Informationen zu suchen. Die entstandene Quellenedition ist wenig umfangreich geblieben. Dafür befinden sich jedoch einige sehr ausführliche Stücke darunter. Sehr gehaltvoll war beispielsweise die undatierte „Chronik der letzten Kriegs- und ersten Besatzungsereignisse nach dem 2. Weltkrieg 1939 bis 1945 im Amtsbezirks Nörvenich“. Diese war vom damaligen Amtsdirektor Haas initiiert worden. Hinter dem etwas sperrigen Namen verbergen sich die Schilderungen mehrerer Chronisten über das Ende des Krieges im Amtsbezirk. Und einige berichten darüber hinaus von den Ereignissen in den ersten Tagen und Wochen während der amerikanischen Besatzung. Daneben stellt die „Schul- und Ortschronik Nörvenich“ eine sehr ergiebige Quelle dar. Darin berichtet der damalige Hauptlehrer Hermann Josef Dauzenberg handschriftlich in drei Heften ausführlich und umfassend von den Ereignissen zwischen den Jahren 1945 und 1948. Als akribischer Chronist zeichnet er ein teilweise sehr intensives Bild der von ihm als „schwere Jahre“ beschriebenen Zeit. Die genannten Aufzeichnungen sind heute, neben den Dokumenten im Archiv der Gemeinde, von ganz besonderer Bedeutung und bilden die Basis für die Entstehung der vorliegenden Arbeit.

Überdies habe ich Kontakt zu Zeitzeugen aufgenommen. Diese sind fast alle im Jahr 1935 oder früher geboren, also in den ersten Nachkriegsjahren zehn bis zwölf Jahre alt oder älter gewesen. In ihren Berichten beschreiben sie mehr oder weniger eindringlich, was sie bei Kriegsende erlebt haben und den Alltag in der später unter britische Verwaltung gestellten Zone. Diese sind natürlich immer von der persönlichen Wahrnehmung gefärbt. Gleichwohl sind ihre Berichte die wohl letzten dieser Art. Weitere Zeitzeugenberichte wird es nicht geben. Die Generation der „dabei Gewesenen“ wird in einigen Jahren verstorben sein. Vor diesem Hintergrund war es für mich erstaunlich zu erfahren, dass niemand der von mir Befragten seine Erinnerungen niedergeschrieben hat. Die mehrfach geäußerte Einschätzung, dass man, nachdem sich der „Schrecken“ des Krieges gelegt hatte, in einer zwar „armen, aber schönen“ Zeit gelebt habe, klang für mich zunächst merkwürdig. Heute glaube ich eine Vorstellung davon zu haben, was damit zumindest in der Zeit nach der Währungsreform gemeint sein könnte.

Als eine ungeahnt schwierige Aufgabe stellte sich mein Bemühen um Bilddokumente heraus. Es ist mir nicht gelungen, mehr als eine Handvoll Fotos aus der unmittelbaren Nachkriegszeit zu bekommen. Erst ab den Jahren 1949 und 1950 tauchen diese wieder vermehrt auf. Offensichtlich hat damals niemand sein kriegsbeschädigtes Haus oder sein verwüstetes Ackerland fotografiert. Bis in die Kriegsjahre hinein war das noch anders. Ohne explizit danach zu suchen, findet man vielfache Aufnahmen aus allen Lebensbereichen. Auch gab und gibt es in fast jedem Haushalt mehrere Aufnahmen von Familienangehörigen in Wehrmachtsuniform, die heute oft der Gefahr ausgesetzt sind, verloren zu gehen. Aufnahmen, die Personen in Parteiuniform zeigen oder als Mitglied einer NSDAP Unterorganisation, sind dagegen kaum noch vorhanden. Oder werden auch heute noch nicht her gezeigt.

Die Recherchen zum Themenbereich ehemalige Parteigenossen und ihre Entnazifizierung habe ich unter anderem im Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Rheinland, in Düsseldorf betrieben. Wegen der Fülle des dort vorliegenden Materials habe ich mich letztendlich auf zwei Personen konzentriert. An ihrem Beispiel wird jedoch die extrem laxe Vorgehensweise der britischen Militärregierung bei der Entnazifizierung sehr deutlich. Aus Rücksicht auf noch lebende Personen habe ich einen der beiden Fälle in anonymisierter Form beschrieben. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass die beschriebene Person anhand der detaillierten Darstellung identifiziert werden kann. Trotzdem habe ich bewusst nicht auf die Schilderung verzichtet, zeigt sie doch das völlige Scheitern der Alliierten bei ihrem Versuch, die deutsche Gesellschaft von allen nationalsozialistischen Einflüssen zu säubern. Der Fall ist ein Beleg dafür, dass die auf lokaler Ebene agierenden „Kleinen“ keineswegs ausnahmslos „gehängt“ wurden. Dass sie, nach anfänglichen „Schwierigkeiten“, letztendlich häufig glimpflich, ja sogar völlig rehabilitiert davon kamen.

Mit der Zeit fand ich einige Helfer. Das war eine zwar kleine, aber engagierte Gruppe von Menschen, die mir während meiner Recherchen auf unterschiedliche Weise halfen, indem sie mir immer wieder Zeitdokumente sowie persönliche Erinnerungen zukommen ließen. Oder sie stellten sich für die Identifizierung von alten Handschriften oder Personen auf alten Fotografien zur Verfügung. Andere waren behilflich bei der Kontaktaufnahme zu Zeitzeugen. Sie alle habe ich im hinteren Teil des Buches namentlich, in alphabetischer Reihenfolge, aufgeführt.

Nicht zuletzt war mir wieder einmal der sehr informative Internetauftritt der Dürener Geschichtswerkstatt eine große Hilfe. Meine Motivation möchte ich zusammenfassend mit diesen Worten beschreiben: Ich wollte wissen und erzählen, wie es der Bevölkerung im Amtsbezirk Nörvenich nach dem schrecklichen Krieg ergangen ist.

Zum besseren Verständnis habe ich mit der Schilderung der letzten Kriegswochen begonnen. Wobei ich mich bewusst darum bemüht habe, keine glorifizierende Darstellung der Kämpfe abzuliefern, wie es häufig in den Darstellungen von Zeitzeugen aus verschiedener Motivation heraus geschieht. Hier soll die Aufmerksamkeit nicht auf die Waffensysteme, auf Kaliberangaben oder aufopferungsvoll kämpfende Soldaten gelenkt werden. Das alles mag der Interessierte an anderer Stelle finden. Relevant war lediglich die Tatsache, dass der endlos lange Krieg nach der deutschen Kapitulation zum vollständigen Zusammenbruch jeglicher Ordnung und Sicherheit sowie dem teilweisen Verlust der bisherigen Lebensgrundlage für die Zivilbevölkerung geführt hat.

Die vorliegende Arbeit versucht einen Einblick in die Geschichte der Nachkriegszeit in der rheinischen Provinz am Beispiel von Nörvenich und seinen Nachbardörfern zu geben. Sie beginnt mit dem Ende der Kampfhandlungen zum Monatswechsel Februar/März 1945 und endet in der Zeit des beginnenden „Wirtschaftswunders“ in der „Bonner Republik“. Sie handelt von Evakuierung und Heimkehr. Von Hunger und Minenopfern. Von Männern, die „Selbstzucht“ rauchen und „Knolli Brändi“ trinken. Von Frauen, die für ihre Kinder „Schmierbrei“ kochen und unablässig deren Kleidung flicken.

Dabei bin ich mir der Tatsache bewusst, dass mit der vorliegenden Arbeit dieser Teil der jüngeren Lokalhistorie längst nicht umfassend behandelt ist. Viele Fragen bleiben unbeantwortet. Manche Aspekte konnten gar nicht berücksichtigt werden. Der Text setzt sich aus dokumentarischen Fragmenten zusammen, die ein phasenweise recht intensives, aber letztlich lückenhaftes Bild ergeben. Er ist der Versuch, mithilfe von Zeitzeugenberichten und Zeitdokumenten ein realistisches Bild des damaligen Geschehens zu skizzieren, das gewiss an einigen Stellen aufgrund mangelnder Informationen meiner persönlichen Interpretation unterliegt. Eine andere als die praktizierte Herangehensweise ist unter Berücksichtigung der mir zur Verfügung stehenden Möglichkeiten nicht praktikabel. Überdies bin ich mir darüber im Klaren, dass die vorliegende Arbeit wissenschaftlichen Standards nicht genügt, dazu habe ich mich jedoch ganz bewusst entschieden. Mein Ziel ist es, lokale Geschichte jedem Interessierten zugänglich zu machen. Deshalb habe ich die Ereignisse als Erzählung formuliert. Um eine größere Authentizität zu erreichen, habe ich diese um Zitate und Bilddokumente ergänzt. Ursprünglich hatte ich geplant, die Ereignisse völlig neutral darzustellen. Im Prozess des Schreibens musste ich jedoch sehr bald erkennen, dass es mir persönlich nicht gelang, den Text frei von Stimmungen und Meinungen (nicht nur meinen eigenen, sondern auch denen von Zeitzeugen und Chronisten) zu verfassen.

Die Schilderung der Ereignisse geschieht in chronologischer Form. Zwischen den einzelnen Kalenderjahren nach 1945 sind jeweils Artikel zu speziellen Themenbereichen eingefügt. Damit der Text nicht durch zu viele Fotos gestört wird, habe ich eine separate „Bildergalerie“ benutzt. Zitate werden zum Teil in gekürzter Form wiedergegeben. Die an der entsprechenden Stelle unwichtigen Passagen habe ich ausgeklammert.


Nörvenich, im April 2014
Herbert Pelzer

 

Inhalt
Vorwort   7
Wie der Krieg zu Ende ging   13
Aus Zwangsarbeitern wurden „Displaced Persons“   32
Ein neuer Anfang   38
Die Soldaten kehren heim   53
Magere Zeiten   64
Reuelose Nationalsozialisten   84
Kalter Winter und heißer Sommer   104
Pommerland ist abgebrannt   120
Neues Geld und neue Hoffnung   130
Die 50er Jahre   140
Literaturverzeichnis   160
Weitere Quellen   162
Bildergalerie   164

 

176 Seiten
17 x 24 cm, fester Einband
Hahne & Schloemer Verlag, Düren 2015
ISBN 978-3-942513-28-9
Preis: 14,90 €

ACHTUNG: Bei Lieferung ins Ausland entstehen Versandkosten

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