Das 150-jährige Bestehen eines wissenschaftlich-technischen Vereins, zu dessen Grundsätzen u.a. die „begeisterte Hingabe an den Beruf“ und „der Glaube an die eigene Kraft“ gehören, ist mehr als Grund genug für eine umfassende Darstellung seiner Geschichte, die zugleich auch eine Erinnerung an bahnbrechende technische Entwicklungen sein soll wie an die Menschen, die sie ermöglicht haben. Der Autor, selbst langjähriges Mitglied des VDI und profunder Kenner der Materie, stellt zugleich aber auch Überlegungen an zur zukünftigen Ausbildung des Ingenieurnachwuchses und skizziert die neuesten technischen Forschungsschwerpunkte.
Aachen gilt mit seinen Hochschulen zu Recht als eine der bedeutendsten wissenschaftlich-technischen Ausbildungsstätten in Europa. Weniger bekannt ist heute die führende Rolle, die das Grenzland als eine der ersten Industrieregionen in Deutschland gespielt hat.
Beide Faktoren zusammen bilden ideale Voraussetzungen für die Entfaltung einer weitgefächerten Tätigkeit von Ingenieurinnen und Ingenieuren, sowohl in der Ausbildung als auch in der beruflichen Praxis.
Im Jahre 1856 gründete sich in Alexisbad der „Verein Deutscher Ingenieure“ (VDI) als Berufs- und Interessenvertretung mit dem Ziel, „ein inniges Zusammenwirken der geistigen Kräfte deutscher Technik zur gegenseitigen Anregung und Fortbildung im Interesse der gesamten Industrie Deutschlands“ zu erreichen. Eng verbunden mit der Gründungsgeschichte ist der Name des Aachener Oberrealschuldirektors Josef Pützer (1831-1913) aus Würselen, der auch dem ersten Ausschuss des jungen Vereins angehörte.
Pützer war es auch, der wenige Monate später die Initiative zur Gründung des Aachener Bezirksvereins ergriff, zu der sich am 2. November 1856 mehr als 30 meist in der hiesigen Industrie tätige Herren zusammenfanden. Mit dem Aachener Bezirksverein konstituierte sich, nach Düsseldorf und Berlin, die dritte Regionalgliederung, der bald schon über 100 Mitglieder angehörten.
Einen bedeutenden Aufschwung nahm der Verein durch die Eröffnung der „Polytechnischen Schule“, der heutigen Rheinisch-Westfälischen Technischen Hochschule Aachen, im Jahre 1871. Durch den Beitritt zahlreicher Mitglieder des Lehrkörpers gelang eine fruchtbare Verbindung von Theorie und Praxis, unterstützend für die tägliche Berufsarbeit, fördernd für die Entwicklung der hiesigen Industrie.
Als ein Beispiel für die praktische Wirksamkeit des jungen Bezirksvereins mag die lebhafte und intensive Debatte um die Dampfkesselgesetzgebung angeführt werden. Diese mitunter lebensgefährlichen Anlagen wurden bislang nur von Kgl. Baubeamten begutachtet, denen natürlich jegliche Kenntnisse über die Grundlagen der Wirksamkeit solcher Anlagen fehlten. Es sei im Interesse jedes Kesselbesitzers, betonte der Aachener Bezirksverein in seinem ausführlichen Gutachten vom 25.11.1859, eine Revision durch „vereidigte, verpflichtete oder anderweitig bestätigte Ingenieure vornehmen zu lassen.“ Noch besser aber sei es, einen Verein zu gründen, der die Kesselbesitzer gegen eine feste Gebühr zu seinen Mitgliedern mache. Die vom Verein anzustellenden Fachingenieure hätten dann die Kesselanlage einer gründlichen technischen Revision zu unterziehen. Bereits 1866 kam es in Mannheim zur ersten Gründung eines solchen Dampfkessel-Überwachungs-Vereins, der bald zahlreiche andere (1874 auch in Aachen) folgten.
Es lässt sich an den vom VDI in den 150 Jahren seiner Geschichte herausgegebenen Publikationen wie der Z.VDI und den VDI nachrichten leicht verfolgen, wie ernsthaft und folgenreich sich die Mitglieder mit den jeweiligen technischen Herausforderungen ihrer Zeit auseinander setzten. Das Spektrum reicht dabei von theoretischen Diskussionen um Begrifflichkeiten wie „Kraft“ über konkrete Ansätze zur Lösung praktischer Fragestellungen bis hin zur Festlegung von Normen für nahezu alle Bereiche technischer Anwendungen.
Dabei spielten Mitglieder des VDI Aachener Bezirksvereins stets eine herausragende Rolle. Namen wie Intze, Wüllner, Junkers, Pauwels und Kármán haben auch heute noch weit über die Aachener Region hinaus einen hervorragenden Klang.
Das vergangene Vierteljahrhundert seiner Geschichte könnte auch für den Aachener Bezirksverein von dem Gedanken geprägt sein, mit dem der Festvortrag zum 125-jährigen Jubiläum von Prof. Dr. Hans Christian Röglin überschrieben war: „Die Identitätskrise der modernen Industriegesellschaft“. Fragen wie Technologiefolgenabschätzung und Verantwortung der eigenen Forschung und Praxis rückten zunehmend in den Blickpunkt gesellschaftlicher Diskussionen.
Hinzu kommt ein in den letzten Jahren zu beobachtender Trend des zunehmenden Desinteresses an Technik, abzulesen an den sinkenden Studentenzahlen in den Bereichen Elektrotechnik und Maschinenbau. Dem versucht der VDI in Zusammenarbeit mit vielen anderen Organisationen und Institutionen durch vielfältige Initiativen wie z.B. dem „Jahr der Technik“ oder der Verleihung des „VDI-Award“ zu begegnen. Gleichzeitig engagiert man sich stark in den Diskussionen um den Aufbau von „Elite-Universitäten“ einerseits, die Neukonzeption der Ingenieurausbildung mit den Abschlüssen „Bachelor“ und „Master“ andererseits.
Angesichts neuer technologischer Disziplinen bzw. Entwicklungen wie der Mechatronik oder der Nanotechnologie ist der VDI jedoch sicher, dass auch in Zukunft deutsche Ingenieurskunst eine bedeutende Rolle in der Welt spielen wird.
Inhalt
1. Geschichtlicher Rückblick auf die technische Entwicklung
1.1 Weltausstellungen von 1851 bis 2005
1.2 Das politische, kulturelle und technische Umfeld zur Zeit der Gründung des VDI
2. Gründungen
2.1 Die Gründung des VDI
2.2 Die Gründung des Aachener Bezirksvereins
2.3 Firmen in Aachen und Umgebung, die um 1856 gegründet wurden und heute noch existieren
2.4 Der Strukturwandel in den letzten 25 Jahren im Aachener Raum
3. Mitteilungen des VDI 1857 bis 1932
3.1 Der VDI
3.2 VDI Aachener Bezirksverein
3.3 Am Rande vermerkt Historie, Gegenwart und Zukunft
4. Die letzten 25 Jahre des VDI Aachener Bezirksvereins (1981-2006)
4.1 Arbeitskreise
4.2 VDI-Ingenieurhilfe e.V.
4.3 Der Aachener VDI an der Schwelle zum digitalen Zeitalter
4.4 Dreiländer-Ingenieur-Kontakte (DIK)
4.5 Vorweihnachtliche Konzerte des VDI
4.6 Ein Drittel-Jahrhundert twv
4.7 Bilder aus dem Leben des Aachener Bezirksvereins
5. Aktuelle Entwicklung der Ingenieurausbildung
6. Das Jahr 2004 der politische Aufbruch?
6.1 Das Jahr der Technik
6.2 Das Jahr der Innovation
6.3 Die Diskussion um Elite-Universitäten
6.4 Forschungsaktivitäten an Aachener Hochschulen
6.4.1 Die Forschung an der RWTH Aachen
6.4.2 Die Forschung an der Fachhochschule Aachen
7. Frauen im Ingenieurberuf (Fib)
8. Der Ingenieur und die Technik im Wandel der Zeit
8.1 Konstruktion im Wandel von der Technischen Zeichnung zum 3D-Produktmodell
8.2 Die Bedeutung der VDI-Richtlinien
8.3 Mechatronik als neue eigenständige Disziplin?
8.4 Nanotechnologie