Aus dem 1. Kapitel:
Am 16. November l944 wurde Düren durch einen Angriff britischer Bomber zerstört. Dieser Tag ist für immer in die Annalen der Stadtgeschichte eingegangen. Der 16. November 1944 brachte unermessliches Leid über unsere Stadt. Zwischen 15.27 und 16.03 legten feindliche Bomberverbände Düren in 36 Minuten in Schutt und Asche. Die genaue Zahl der Opfer wurde nie ermittelt man sprach zunächst von 12.000 Toten.
Den Jahrestag der Zerstörung Dürens möchte ich zum Anlass nehmen, an jene dunkle Zeit zu erinnern. In diesem Kapitel will ich berichten über die Zeit unmittelbar vor der Zerstörung und über die Beweggründe der Alliierten, Düren dem Erdboden gleich zu machen. In den folgenden Kapiteln werde ich schildern, wie ich in unserem Haus auf dem Markt 5, dort, wo sich heute das Bürgerbüro der Stadt befindet, den Angriff überlebt habe, und schließlich möchte ich etwas über die ersten Wiederaufbaujahre berichten.
Die Alliierten hatten nach ihrer Landung in der Normandie Frankreich und Belgien zurückerobert, hatten die deutsche Grenze in Roetgen bei Aachen am 12. September 1944 überschritten und erreichten Schevenhütte am 21. September. Fast alle Historiker sind sich einig, dass die Amerikaner leicht hätten weiterrücken und den Rhein überqueren können, doch sie zögerten, auch wegen ihrer Nachschubprobleme. Das nutzten die deutschen Truppen, um sich im Hürtgenwald zu formieren. Dort begannen dann die für die Deutschen und Amerikaner so verlustreichen Kämpfe insgesamt mussten 68.000 deutsche und amerikanische Soldaten hier in einem sinnlosen Stellungskampf ihr Leben lassen.
Düren lag schon seit dem 19. September unter Artilleriebeschuss. Es lebten trotz der näher kommenden Front von den ursprünglich 45.000 Einwohnern noch über 20.000 Menschen in der weitgehend unbeschädigten Stadt, obwohl während des Krieges bis zu diesem Zeitpunkt bereits 49 mal Bomben über Düren abgeworfen worden waren, bei denen es insgesamt rund 200 Todesopfer gegeben hatte. Düren war also im Vergleich zu benachbarten Großstädten bis dahin noch glimpflich davongekommen.
Ich war 1944 als 14-jähriger Schüler in der Untertertia des Stiftischen Gymnasiums, das sich an der Ecke Schenkelstraße/Zehnthofstraße befand, also dort, wo heute die Sparkasse Düren ihren Hauptsitz hat. Der Unterricht fand weitgehend im Keller statt. Wenn es Fliegeralarm gab, konnte ich, da es bis zu meinem Elternhaus auf dem Markt 5 nur knapp 200 Meter waren, die Schule verlassen. Ende September wurden dann alle Dürener Schulen wegen der näher rückenden Front geschlossen.
Auf dem Markt lebten wir fast nur noch im Keller, da es immer wieder Artilleriebeschuss gab die Amerikaner standen ja bei Stolberg-Schevenhütte. Ansonsten, erinnere ich mich, gingen die Bewohner der Stadt weitgehend ihrer Beschäftigung nach. Sogar die Kinos waren noch geöffnet. Natürlich befanden sich wegen der nahen Front auch viele Soldaten in der Stadt. Jeden Tag rechneten die Bewohner mit dem Vorstoß der Amerikaner, rechneten damit, dass Düren überrannt wurde und der Krieg vorbei war.
Fragt man nach den Gründen, warum Düren an jenem 16. November 1944 sterben musste, so waren dies einmal strategische Überlegungen und zum anderen das Ergebnis eines Machtkampfes, der hinter den Kulissen bei den Alliierten ausgetragen wurde. Obwohl sich die Militärstrategen im Sommer 1944 dafür ausgesprochen hatten, anstelle der Bombardierungen deutscher Städte die deutsche Treibstoffindustrie und das deutsche Verkehrsnetz lahm zu legen, widmete das alliierte Bomberkommando seine Hauptanstrengungen der Bombardierung deutscher Wohnviertel. So fielen allein in den letzten drei Monaten des Jahres 1944 mehr Bomben auf deutsche Wohnviertel als im ganzen Jahr 1943. Befürworter dieser Angriffe auf deutsche Städte war vor allem der englische Luftmarschall Harris.
Die amerikanischen Generäle Hodges und Simpson wollten Mitte November für ihren geplanten weiteren Vormarsch kein Risiko eingehen und forderten daher starke Luftunterstützung an, um die Nachschubwege der deutschen Truppen zu zerstören. Marschall Harris stellte daraufhin sämtliche Maschinen seines Kommandos für einen Vernichtungsangriff auf Düren und Jülich bereit. Weitere Einsatzziele waren, auch für die 8. amerikanische Luftflotte, Heinsberg und Linnich.
In Düren selbst hatte es am herbstklaren 16. November 1944 zunächst am Vormittag Fliegeralarm gegeben, und über dem frontnahen Gebiet fielen auch Bomben, nicht aber in der Stadt. Da hatte man sich längst an Fliegeralarm, Artilleriebeschuss und den Frontlärm gewöhnt und maß dem keine Bedeutung zu.
Niemand konnte ahnen, dass sich gleichzeitig eine fliegende Armada formierte, um Düren den Untergang zu bringen. In den frühen Nachmittagsstunden des 16. November 1944 starteten 474 viermotorige Bomber der Royal Air Force, um Düren zu bombardieren. Sie warfen 95 so genannte Zielmarkierer, 5.477 Spreng- und Minenbomben, 148.980 Phosphorbomben über Düren ab für jeden Einwohner rein rechnerisch also fast acht Bomben und vernichteten eine blühende Stadt. Dieser Angriff bedachte Düren mit der gleichen Tonnage wie das vierzigfach kopfstärkere Hamburg. Von 9.322 Gebäuden blieben dreizehn unbeschädigt. Das ist in einem Buch von Jörg Friedrich über den Bombenkrieg 1940-1945 nachzulesen.
Dort heißt es wörtlich: Die älteren Gemäuer von Jülich und Düren waren keineswegs der Angriffszweck. Sie standen nur quer auf einer Ebene, die tote Zone werden musste, damit der Ausbruch aus der Hölle des Hürtgenwaldes nicht in die nächste Barrikade rannte.
Die Zahl der Toten in Düren wurde nie exakt ermittelt. 3.475 Zivilisten sollen auf dem neuen Friedhof beigesetzt worden sein, nach Recherchen von Dr. Domsta waren es insgesamt ca. 3260 Tote. Man nimmt an, dass unter den Trümmern außerdem noch viele Menschen begraben wurden, die man nie gefunden hat. Die Nähe der Front brachte es mit sich, dass sich auch zahlreiche Soldaten in der Stadt aufhielten. Oberstadtdirektor Dr. Brückmann nannte im Jahre 1950 die Zahl von schätzungsweise 8.000 Zivilisten und 4.000 Soldaten.