Neuerscheinung

Betrachtet man die Lage ein Jahrhundert später, hat sich die Situation grundlegend geändert. Das deutsche Reich, in dem Preußen eine beherrschende Rolle spielte, war zur stärksten Wirtschaftsmacht in Europa aufgestiegen, Bildung und Wissenschaft, Kunst und Literatur, aber auch staatliche und kommunale Infrastrukturen und Vorsorgeeinrichtungen waren auf einem hohen Niveau.

An der Stadt Düren lässt sich diese Entwicklung geradezu paradigmatisch ablesen. Eine überdurchschnittliche Bevölkerungszunahme, eine blühende, weit gefächerte Industrie, zahlreiche, teilweise reichsweit vorbildliche kommunale Einrichtungen der Daseinsvorsorge, Bildung, Kultur, Gesundheit und Sozialfürsorge, nicht zuletzt ein wohlhabendes Bürgertum, aus dem die berühmten Millionäre noch hervorstachen – das hätte sich wohl 1815 kaum Jemand träumen lassen.

Kaiser Wilhelm I.Was war da »entfesselt« worden? Natürlich hatte Düren günstige Voraussetzungen – wie das berühmte »weiche Wasser« der Rur – und mit dem Anschluss an die Eisenbahn 1841 das große Los gezogen. Aber es musste mehr dazu gehören. Die Einführung der Schulpflicht, das Verbot der Kinderarbeit (in Düren lässt sich diese kaum nachweisen), der – bisweilen allerdings mühsame – Aufbau einer geordneten kommunalen Verwaltung, die gezielte Förderung von Wissenschaft und Technik – all dies sind Faktoren, die auch in Düren ihre ganz konkreten Auswirkungen hatten.

Andererseits ist nicht zu verkennen, dass Deutschland nach wie vor eine nahezu undurchlässige Klassengesellschaft war, wobei die sozialen Auseinandersetzungen im Dürener Land weitaus seltener und moderater auftraten als in anderen Regionen. Stärker bewegte die in ihrer übergroßen Mehrheit katholische Bevölkerung der – durchaus nachvollziehbare – Versuch des preußischen Ministerpräsidenten Bismarck, der katholischen Kirche als Institution die Verfügungsgewalt über die Schulen und damit die Jugend zu entziehen. Obwohl dies erst nach dem Ende der Monarchie in der Weimarer Republik gelang, dominierte dieser als »Kulturkampf« in die Geschichte eingegangene Konflikt lange Jahre das Bild von Preußen im Rheinland.

Das zeigte sich in Düren nicht zuletzt an der Auseinandersetzung zwischen der (weitgehend protestantischen) nationalliberalen Mehrheit im Dürener Stadtrat und ihren Gegenspielern vom katholischen Zentrum, ausgelöst durch das Vorhaben, dem demissionierten Reichskanzler Bismarck in Düren (wie in vielen anderen deutschen Städten auch) ein Denkmal zu errichten (s. dazu den Beitrag Nellessen, S. 56ff.).

Im Übrigen aber, das muss man heute betonen, lebten die Angehörigen der verschiedenen Religionen und Konfessionen in Düren friedlich neben- und miteinander.

Diese religiöse Toleranz, Ansätze sozialstaatlicher Fürsorgepolitik, geordnete Verwaltungsverhältnisse, ein breites Bildungsangebot, eine weitgehend unabhängige Rechtsprechung, das alles eingebettet in eine militaristisch geprägte Klassengesellschaft, in denen Unternehmer eine nahezu unbeschränkte Machtfülle besaßen und Organisationen der Arbeiterschaft lange Jahrzehnte gnadenlos verfolgt wurden – ein wahrlich ambivalentes Bild.

Bismarck-DenkmalZweihundert Jahre nach dem Ausspruch Friedrich Wilhelms III. »… und nenne Euch Preußen« hat (nicht nur) die Stadt Düren versucht, das überlieferte Preußen-Bild ein wenig gerade zu rücken. Mit einer ganzen Reihe von Vorträgen, Lesungen, Lieder- und Kabarettabenden, Theaterstücken und Ausstellungen unter dem Thema »200 Jahre Preußen im Rheinland und in Düren« näherte man sich – nicht immer nur todernst – einer unverstellten Sichtweise auf jene Epoche deutscher Geschichte, die gerade auch für Düren so bedeutend war. Ohne die negativen Konnotationen zu verdrängen, sollte doch »den Preußen« ein wenig historische Gerechtigkeit widerfahren.

Davon zeugen auch die Beiträge in diesem Buch.

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