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12,95 

Judith Hages

Zeitenschmiede

Die Geschichte einer Schmiedefamilie in bewegten Zeiten. Ein Roman über Heimat, Liebe, Flucht und den unverwüstlichen Glauben an die Zukunft.

Düren 1939: Mina ist auf der Flucht. Sie kommt mit falschem Namen bei ihren bis dahin unbekannten Verwandten – der Schmiedefamilie Hansen – unter. Im Verborgenen sucht sie nach ihrem Vater und stößt dabei auf ein Familiengeheimnis, dessen Geschichte bis ins Jahr 1889 zurückgeht. Währenddessen bricht der Zweite Weltkrieg aus und droht die Familie auseinanderzureißen.

Ostpreußen 1944: Der Krieg ist nun auch in dem masurischen Dorf Steintal spürbar. Wehrmachtssoldaten werden in den Häusern einquartiert, darunter ein Sohn der Familie Hansen. Er verliebt sich in Liesel, doch das junge Paar wird getrennt, als die russische Frontlinie näher rückt. Kurze Zeit später muss Liesel flüchten.

Nicht nur für sie beginnt ein Überlebenskampf, der bis in die Nachkriegszeit hineinreicht.

Ein spannender Roman, basierend auf wahren Begebenheiten. Tragisch, emotional und fesselnd.

 

LESEPROBE:

1
Eine Zuflucht in der Fremde

Samstag, 29. Juli 1939 – Mina
Alle Muskeln meines Körpers sind angespannt. Falls ich verfolgt und entdeckt werde, muss ich fliehen. Doch hier im Zug säße ich in der Falle. Ich atme tief durch und versuche, meinen rasenden Puls zu beruhigen. Ich sehe hinaus, nehme jedoch nichts von der vorbeifliegenden Landschaft wahr. Aufmerksam beobachte ich die Spiegelung der Fahrgäste im Fenster. Als wir die Stadt verlassen und nur noch die Felder mit Korngarben zu sehen sind, wage ich einen Blick ins Abteil. Nichts Auffälliges; keine Uniformen oder Ledermäntel. Meine Hände zittern immer noch. Ich verberge sie in meiner Manteltasche. Es ist eigentlich nicht mein Mantel. Er gehörte meiner Mutter. Ihr Parfum haftet noch am Kragen. Die Erinnerung an sie ist zu schmerzhaft, und ich versuche, an etwas anderes zu denken. Meine Hand ertastet das Foto und ich ziehe es aus der Tasche. Immer wieder habe ich es mir angesehen, seitdem ich es in ihrer Nachtkommode gefunden habe. Sie hatte es gut vor mir versteckt. Dem abgenutzten Zustand nach zu urteilen, muss sie das Foto oft in der Hand gehabt haben.
Mit dem Daumen fahre ich über die Prägung am rechten unteren Bildrand: ‚R. Ophoven, Düren‘. Deshalb sitze ich in diesem und nicht in einem anderen Zug. Das Ziel ist Düren – eine unbekannte Stadt für mich, jedoch die Heimat meiner einzigen Familienangehörigen. Leider kenne ich sie nicht, genau wie meinen Vater. Ich weiß nur, dass er aus Düren kam.
Die Waggontür öffnet sich quietschend. Nervös sehe ich auf und werfe unauffällig einen Blick auf die Neuankömmlinge. Eine junge Frau mit Pelzkragen betritt das Abteil. Ihr Begleiter trägt eine Uniform. Das ist nicht ungewöhnlich, doch ich bleibe wachsam und beobachte ihn aus den Augenwinkeln. Ein paar Sitze weiter nimmt das Paar Platz. Er scheint niemanden zu suchen, denn ich höre, wie sie beide ausgelassen lachen.
Ich ärgere mich über meine Dummheit. Wieso war ich so unvorsichtig und habe mein Tagebuch liegen gelassen? Ich könnte es damit entschuldigen, dass ich zu meiner sterbenden Mutter geeilt bin und natürlich auf der Arbeit alles liegen ließ, ohne über die Konsequenzen nachzudenken. Und als ich wieder kam, sah mich das Parteiliebchen, das mich sowieso auf dem Kieker hatte, triumphierend an. In der Hand meine Kladde.
Ausgerechnet dieses Buch für jedermann einsehbar liegen zu lassen, war mehr als dumm. Ich weiß sehr gut, was passiert, wenn man sich derart abwertend wie ich über den Führer und seine Schergen äußert – und das auch noch schriftlich. Ich habe es mit eigenen Augen gesehen. Die Bilder verfolgen mich in meinen Träumen: Wie sie unseren Nachbarn aus der Wohnung zerrten, die Treppe hinunter prügelten, ihn ins Auto traten. Wir haben ihn nie wiedergesehen. Seine Wohnung wurde kurz danach von der Gestapo ausgeräumt.
Der Mann in Uniform steht auf. Ich bemühe mich, ihn nicht anzustarren, und blicke stattdessen so gelassen wie möglich aus dem Fenster. Ich sehe seine Spiegelung auf mich zu kommen. Mein Herz rast und ich bin bereit aufzuspringen, als der Soldat vor mir stehen bleibt.
„Entschuldigen Sie bitte, Fräulein. Haben Sie vielleicht Feuer?“
Ich drehe mich um. Er sieht freundlich zu mir hinunter und spielt mit einer Zigarette in seiner Hand. Mit trockener Kehle krächze ich: „Nein, tut mir leid. Ich rauche nicht.“
„Trotzdem vielen Dank. Wünsche Ihnen noch einen angenehmen Tag.“ Er tippt kurz an seine Schirmmütze und steuert auf den nächsten Fahrgast zu.
Ich atme tief ein und bemerke, dass ich das Foto immer noch in meinen schweißnassen Händen halte. Es ist geknickt, und ich versuche, es zu glätten. Gleichzeitig lasse ich den Soldaten nicht aus den Augen. Schließlich kehrt er mit qualmender Zigarette zu seiner Begleiterin zurück und setzt sich.
Mein Puls beruhigt sich etwas. Ich betrachte das Bild. Es zeigt zwei Männer vor einem Gebäude, das aussieht wie eine Werkstatt. Der kleinere und kräftigere von beiden muss der Schmied sein, denn er hat einen schweren Hammer in der Hand, trägt eine lange Schürze und steht vor einem Amboss. Der andere Mann steht mit verschränkten Armen daneben und blickt ernst in die Kamera.
Auf der Rückseite befindet sich eine handschriftliche Notiz. Die Buchstaben sind so undeutlich geschrieben, dass ich sie erst jetzt nach mehrmaligem Lesen entziffern kann: ‚Wilhelm und Heinrich 1910‘.
Ich überlege die ganze Zeit, ob einer dieser Männer mein Vater sein könnte. Ich weiß gar nichts über meinen Erzeuger. Meine Mutter hat sich immer geweigert, über ihn und seine Familie zu sprechen, wenn ich nachfragte. Ich habe sie, seit ich denken kann, als eine unglückliche und einsame Frau in Erinnerung. Nun ist sie tot. Und ich bin heimatlos und auf der Flucht.
Mit einem Ruck hält der Zug. Die Türen öffnen sich und ich betrete zusammen mit anderen Fahrgästen den Bahnsteig. Der Soldat sitzt noch in seinem Abteil und hat nicht bemerkt, dass ich ausgestiegen bin. Aufmerksam beobachte ich, ob mir jemand folgt, doch ich entdecke nichts Auffälliges.
Ich schließe mich den Reisenden an, die bepackt mit Koffern und Taschen in die Bahnhofshalle streben. Mein Gepäck besteht lediglich aus einem Foto und dem viel zu großen Mantel, den ich trage.
Über der Bahnhofsuhr an der Wand prangt ein mächtiges Hakenkreuz. Ein beklemmendes Gefühl breitet sich in mir aus. Ich befürchte, dass ich nicht entkommen kann. Sie sind überall. Ich versuche, mich daran zu erinnern, ob ich das Foto und den Ort der Entstehung, der dort eingeprägt ist, in meinem Tagebuch erwähnt habe. Ich weiß es nicht mehr. Es könnte gut sein. Und dann wäre es nur eine Frage der Zeit, bis man mich findet. Ich denke, ich werde einen falschen Namen angeben müssen, falls ich hier irgendwo unterkomme.

 

326 Seiten, 14,5 x 20,0 cm, Softcover
Hahne & Schloemer Verlag, Düren 2021
ISBN 978-3-942513-58-6
Preis: 12,95 €

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