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Dieter Lenzen

Zwangsarbeit im Kreis Monschau 1939 - 1945

Eine Annäherung an das Thema Zwangsarbeit im Dritten Reich ist nicht möglich, ohne zu fragen, wie es geschehen konnte. Wie konnte es geschehen, dass Millionen von Zivilarbeiterinnen, Zivilarbeitern, Militär-Internierten und Kriegsgefangenen im Zweiten Weltkrieg ins Deutsche Reich verschleppt und zu Sklavenarbeit gezwungen wurden? Wie konnte es geschehen, dass sie verhungerten, ausgebeutet und entwürdigt wurden? In ihrem Kern ist diese Fragestellung alt und beschäftigt Menschen, solange es Überlieferungen gibt. Vor 2.500 Jahren formulierte Sophokles: „Ungeheuer ist viel. Doch nichts ungeheurer als der Mensch“,(1) als er versuchte, sowohl die schöpferischen als auch die destruktiven Möglichkeiten der menschlichen Natur zu erfassen. Gisela Schwarze stellt ihrer Arbeit über die Kinder von Zwangsarbeiterinnen den Auszug aus einem Essay von Louis Begley voran, der selbst die Shoah überlebt hat, und in dem dieser ausführt, dass er keinen Zweifel daran habe, „dass wir die grundlegende menschliche Veranlagung besitzen, Böses zu tun und Schmerz zuzufügen. Ebenso grundlegend ist unsere Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer, es sei denn, wir erkennten uns in ihnen so genau wieder, dass ein Schlag, der sich gegen sie richtet, auch uns träfe.“(2)

Demnach ist unsere Fähigkeit zur Empathie entscheidend, also wie gut wir uns in den anderen hineinfühlen und in ihm den Mitmenschen sehen können,(3) und dies setzt voraus, dass wir den Einzelnen betrachten. Begley betont die Möglichkeit, durch Erziehung eine Orientierung zu geben und unsere destruktiven Anteile positiv zu lenken und sie im besten Fall schöpferisch zu nutzen. Durch eine Ausrichtung am Kategorischen Imperativ, der das eigene Verhalten daran misst, ob es als grundlegende Handlungsanweisung taugt, hofft Begley auf eine Entwicklungsmöglichkeit zum Guten. Er fordert dafür im besten Fall ein Gemeinwesen, das sich diesen Idealen verschrieben hat und eine solche individuelle Entwicklung fördern kann.

Geschichte lässt sich aus unterschiedlichen Perspektiven betrachten und mir ist die Sicht auf die Opfer wichtig, denn sie führt zu der naheliegenden Frage, in welcher Familie in unserem Dorf wäre ich als Zwangsarbeiter menschenwürdig behandelt worden?

Letztlich geht es darum, wie hätte ich mich verhalten? Hält man sich vor Augen, dass etwa die Hälfte der zivilen Zwangsarbeiter ebenso wie die meisten Kriegsgefangenen im Kreis Monschau in der Land- und Forstwirtschaft sowie in Privathaushalten arbeiten mussten, so war der Einzelne gefordert. Als ich Material für diese Arbeit suchte, überraschte mich eine Cousine, die den Krieg als Kind erlebt hat, mit der Geschichte, dass im Haus meines Grossvaters in Hürtgen ein ukrainischer Zwangsarbeiter arbeiten musste, von dem nur sein Vorname Nikolaj überliefert ist. In meiner Herkunftsfamilie waren die Existenz oder das Schicksal Nikolajs kein Thema.

Weil wir diese von Begley angesprochene aggressive Veranlagung in uns tragen, glaube ich auch nicht, dass ein politisches System, eine Religion oder eine Weltanschauung der ausschlaggebende Grund für unser Handeln ist, wohl aber bieten diese bei entsprechender Ausformung den Rahmen, in dem sich persönliche Fehlentwicklungen und krankhafte Ausprägungen „ausleben“ lassen. Der Aachener Landgerichtsrat Stenbock-Fermor äusserte 1952 in einem Gnadenverfahren eines verurteilten Gestapomitarbeiters, „dass dieser [Tötungs-] Befehl für ihn [den Gestapomitarbeiter, DL] – um es vielleicht etwas überspitzt auszudrücken – ein Freibrief war, von dem er sein Verhalten, das durchaus seiner Mentalität entsprach, gedeckt wusste“.(4)

Dies macht Terrorsysteme für alle anziehend, die versuchen, eigene Defizite dadurch auszugleichen, dass sie andere erniedrigen, quälen und letztlich umbringen. Der andere wird zum „Untermenschen“, „Ungläubigen“ oder er gehört zu einer sonstigen „wertlosen Kategorie“. Deshalb kann sich eine Entwicklung wie jene, die sich im Dritten Reich vollzog, zeit- und ortsunabhängig jederzeit wiederholen. Erziehung im Sinne Begleys lebt aus Traditionen, Erfahrungen und Haltungen, die sich aus Welt- und Lebenseinstellungen schöpfen. Auch wenn Erfahrungen nicht vermittelbar sind, so ist Erfahrung ohne Erinnerung und Verarbeitung nicht denkbar. „Die Vergangenheit, die nicht vergehen will“(5) ist deshalb eine Voraussetzung, die helfen kann, dass so etwas nicht wieder geschieht. Dies setzt das Wissen um das voraus, was geschehen ist, ebenso wie die Bereitschaft, dafür die Verantwortung zu übernehmen. Letztlich wird es an unserem Willen liegen, unsere Zukunft zu gestalten und nicht darauf zu bauen, dass andere es schon richten werden.

(1) Sophokles, Antigone, Kapitel 3, Übersetzung von Friedrich Hölderlin, 1804.
(2) Schwarze, S. 7 und http://magazin.spiegel.de/EpubDelivery/spiegel/pdf/9262192, zuletzt aufgerufen 23.09.2016.
(3) Wie brüchig diese empathische Schicht und wie sehr sie durch Gruppenprozesse beeinflussbar ist, zeigen sozialpsychologische Untersuchungen. Diese legen nahe, dass es keiner besonderen charakterlichen Fehlentwicklung bedarf, um quälen und morden zu können, eine Erkenntnis, die das Problem noch monströser und bedrohlicher macht. Das „Gefängnisexperiment“, bei dem zwei zufällig ausgewählte Studentengruppen die Rollen der Gefangenen und der Aufseher in einem virtuellen Gefängnis übernahmen, musste vorzeitig abgebrochen werden. Sowohl die „Täter“ als auch die „Opfer“ hatten sich mit ihrer Rolle soweit identifiziert, dass es zu Übergriffen kam. Henry, C., Banks, C., Zimbardo, P, 1973, Interpersonal dynamics in a simulated prison, International Journal of Criminology and Penology, 1, 69-97, nach Aronson, S. 277.
(4) LAV NRW R Ger Rep 89 Nr. 11 Bl 26, Stellungnahme des Landgerichtsrates Stenbock-Fermor.
(5) Nolte, Ernst, Die Vergangenheit, die nicht vergehen will, Eine Rede, die geschrieben, aber nicht gehalten werden konnte, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.06.1986. Ernst Nolte: * 11.01.1923 Witten; † 18.08.2016 Berlin, https://de.wikipedia.org/wiki/Ernst_Nolte, zuletzt aufgerufen 07.06.2018.

 

Inhaltsverzeichnis

       
1 Abkürzungen 8
2 Vorwort 11
3 Themenstellung 13
4 Quellen und Quellenkritik 17
5 Lernfelder 21
6 Zweiter Weltkrieg 25
7 Rahmenbedingungen 34
8 NS-Rassenideologie und Hierarchisierung 43
9 Arbeitskräfte aus dem „Osten“ 46
10 Arbeitskräfte aus dem „Westen“ 92
11 Örtliche Interpretation der Hierarchisierung 109
12 Arbeitsbedingungen, Arbeitsvertrag und Vertragsbruch 113
13 Kinder und Familien 117
14 Sexuelle Belästigung und Ausbeutung 128
15 Krankenversorgung 132
16 Kultur, Kirche und religiöse Praxis 139
17 Internierung, Massenquartiere, Lager, Gefängnisse 142
  17.1 Mannschaftsstammlager VI G, VI H und die Lager und Gefängnisse im Altkreis Monschau 142
  17.2 Die Stalags 326 Senne (VI K), VI H Arnoldsweiler und VI G Bonn-Duisdorf 153
  17.3 AK 800 an der Florabrücke in Monschau 162
  17.4 AK 798 in Strauch 167
  17.5 AK 793 in Rurberg 171
  17.6 „Ostarbeiterinnenlager“ der Firma Junker in Lammersdorf 173
  17.7 Vennlager der Firma Junker in Lammersdorf 174
  17.8 Zivilarbeiterlager 81 und Zivilarbeiterlager Wirtschaft Lutterbach in Strauch 177
  17.9 Russisches Eisenbahnarbeiterlager in Petergensfeld 178
  17.10 Eisenbahnlager Monschau 180
  17.11 „Russenlager“ an der Dreilägerbachtalsperre in Roetgen 181
  17.12 „Russenlager“ in Eschauel 183
  17.13 „Russenlager“ im Schlickterfeld in Schmidt 184
  17.14 „Russenlager“ bei der „Schönen Aussicht“ in Schmidt 185
  17.15 Spritzenhäuschen in Kesternich 185
  17.16 Forstlager im Kreis Monschau 187
  17.17 Lager der Firma Derichs & Konertz in Roetgen 190
  17.18 „Russenlager“ in Zweifall 190
  17.19 Lager der Firma Westgas in Monschau 191
  17.20 Weitere Lager 191
  17.21 Monschauer Gefängnisse 193
  17.22 Aachener Haftanstalt, Straflager, Arbeitserziehungslager 203
18 Unterdrückung, Terror, Tötungen 206
  18.1 Polizei im Kreis Monschau 207
  18.2 Justiz und Opfer 208
  18.3 Verfolgung und Einzelschicksale 211
  18.4 Kriminelle Delikte 215
  18.5 Politische Vergehen 229
  18.6 Gewalt und Tötungen in den Kriegsgefangenenlagern 242
  18.7 Flüchtige 259
  18.8 Verbrechen in der Endphase 265
  18.9 Weitere Todesfälle 268
19 Mitmenschlichkeit 271
20 Firmen 277
  20.1 Seidenfabrik Gebhard & Co 277
  20.2 Otto Junker Lammersdorf 278
  20.3 William Prym 285
21 Verlust der Heimat 287
  21.1 Verschleppte Personen (Displaced Persons/DPs) 287
  21.2 Einbürgerungen, Ausbürgerungen und Staatsbürgerschaften 291
22 Verantwortung und Erinnerungskultur 297
  22.1 Justiz und Täter 297
  22.2 Politisch Geschädigte 299
  22.3 Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ 300
  22.4 Gräber und Friedhöfe 302
23 Zusammenfassung und Ausblick 320
24 Anlagen 322
  24.1 Landrat Kurt Dingerdissen 322
  24.2 Gestapomitarbeiter Eugen Schwitzgebel und Franz Sprinz 323
  24.3 Kriegsgefangenenpost des Polen Czesław Matecki 324
  24.4 Polizeiverordnung betreffend das Verhalten der Zivilarbeiter polnischen Volkstums 326
  24.5 Opferliste der aus dem Kreisgebiet umgebetteten sowjetischen Zwangsarbeiter 327
  24.6 Opfer, eine Übersicht nach Kommunen 332
  24.7 Liste der wiederergriffenen „Ostarbeiter“, die man nach Köln-Deutz zur SS-Baubrigade III bzw. ins Polizeihilfsgefängnis überstellte 333
  24.8 Meldung zu „Ostarbeitern“ aus den Ämtern Monschau, Kalterherberg und Imgenbroich 334
  24.9 Aufstellung polnischer und sowjetischer Zwangsarbeiter im Amt Roetgen 337
  24.10 Polnische und sowjetische Zwangsarbeiter auf den Straflisten des Amtes Roetgen 339
  24.11 Betriebe, die ehemalige polnische Kriegsgefangene als Zivilarbeiter beschäftigten 340
25 Archive und ungedruckte Quellen 345
26 Zeitzeugen 349
27 Gedruckte Quellen und Darstellungen 350
28 Ortsregister 357
29 Namensregister 360
  Dank 368

 

368 Seiten
zahlr. Abb., 17 x 24 cm, geb.
Hahne & Schloemer Verlag, Düren 2018
ISBN 978-3-942513-46-3
Preis: 15,00 €

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